US-Präsidentschaftswahl: Clinton gewinnt mit 323 Wahlmännerstimmen – eine Analyse

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US-Kapitol im Umbau, Herbst 2015

Vor ziemlich genau einem Jahr hatte ich die Chance, auf Einladung des US-Außenministeriums und des US-Generalkonsulats in Frankfurt, an einem International Visitor Leadership Programs in den USA mit dem Thema „Current U.S. Political Trends“ teilzunehmen. Damals hatte der Vorwahlkampf gerade angefangen. Gerne möchte ich anlässlich der US-Präsidentschaftswahl am 8. November 2016 meine Erfahrungen mit euch teilen und eine Einschätzung geben, wie diese Wahl meiner Meinung nach ausgeht und warum sich die Amerikanerinnen und Amerikaner so entscheiden werden. Um es vorne weg zu nehmen: Im Vergleich zu 2012 wird sich meines Erachtens nicht viel ändern am Electoral College. Die vorliegende Analyse geht davon aus, dass lediglich 3 Staaten (Ohio, North Carolina und Iowa) ihre Wahlmänner dem Kandidaten einer anderen Partei geben werden, als bei der letzten Wahl. Nun aber eine Übersicht im Einzelnen:

 

New England

New York 29, Massachusetts 11, Connecticut 7, New Hampshire 4, Maine 4, Rhode Island 4, Vermont 3

Prognose: Hillary Clinton: 62, Donald Trump: 0

Im Nordosten werden die Demokraten wieder alles abräumen. Die Zeiten in denen liberale und moderate Republikaner in New England dominiert haben, sind lange vorbei. Obwohl die New England Staaten eine mehrheitlich weiße Bevölkerung haben, hat Donald Trump außer in Maine und New Hampshire zu keiner Zeit eine realistische Chance gehabt. New Hampshire ist traditionell der einzige Swing State im Nordosten. In den letzten Tagen konnte Hillary Cliton dort in den Umfragen ihrem republikanischen Konkurrenten aber enteilen, sodass davon auszugehen ist, dass auch dieser Staat wieder an die Demokraten geht. Maine ist bei dieser Wahl ein sehr interessanter Staat. Neben Nebaska ist es der einzige Staat, der seine Wahlmännerstimmen nicht einheitlich vergibt, sondern splittet. 2012 konnte Obama Maine mit über 15 Prozentpunkten Vorsprung gewinnen. Dies wird diesmal deutlich knapper ausfallen. Das liegt vor allem an der Bevölkerungsstruktur des östlichsten Staates der USA. Donald Trumps Hauptunterstützergruppe, Weiße ohne College-Abschluss, bilden die absolute Bevölkerungsmehrheit in Maine. Katholiken, die im Nordosten traditionell eher die Demokraten unterstützen stellen in Maine nur 28% der Einwohner, deutlich weniger als in allen anderen New-England-Staaten. Hillary Clinton wird den „Pine Tree State“ trotzdem gewinnen, aber mit einer knapperen Mehrheit. Eine echte Chance eine Wahlmännerstimme aus dem Nordosten zu entführen hat Donald Trump im zweiten Kongresswahlbezirk von Maine.

 

Mid Atlantic States

North Carolina 15, New Jersey 14, Virginia 13, Maryland 10, West Virginia 5, Delaware 3, D.C. 3

Prognose: Hillary Clinton: 58, Donald Trump: 5

New Jersey, Maryland, Delaware und D.C. sind Teil des „blue walls“ und damit sichere demokratische Staaten, die auch dieses Mal wieder für Hillary Clinton stimmen werden. West Virginia war früher ein sicherer demokratischer Staat, der vor allem von Weißen aus der Arbeiterschicht bewohnt wird. Nach der Präsidentschaftswahl 1996 wurde West Virginia von Jahr zu Jahr republikanischer. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Gesellschaftspolitik der Demokraten unterstützen viele der evangelikalen Arbeiter nicht, die Waffenlobby NRA hat hier großen Einfluss und die Umweltpolitik von Präsident Obama lässt viele Kohle-Arbeiter in West Virginia um ihren Job bangen. Deshalb wird West Virginia auch dieses Mal wieder an die Republikaner gehen.

Sehr spannend wird die Wahl in Virginia und North Carolina, zwei Staaten die den Trend des Landes darstellen. Beide verfügen über ein deutlich Bevölkerungswachstum und in beiden Staaten werden die gesellschaftlichen Minderheiten immer stärker. Virginia ist der Heimatsstaat von Clintons running-mate Tim Kaine und hat in den letzten Jahren die umgekehrte Entwicklung von West Virginia genommen. Auch dieses Mal wird die „mother of states“ wieder an die Demokraten gehen mit einer deutlicheren Mehrheit als 2012. North Carolina dagegen ist ein echter Swing State. 2012 konnte Mitt Romney gewinnen, 2008 Obama, beides mal sehr knapp. Auch hier hat sich die Demographie zugunsten der Demokraten geändert (mehr junge Wähler, mehr farbige Wähler, mehr Latinos). Der Anteil der weißen, evangelikalen Christen, der Hauptwählergruppe der Republikaner, nimmt von Jahr zu Jahr ab. Zudem hat Hillary Cliton mit einigen Gratis-Konzerten geschickt die millenials (Jungwähler bis 34) mobilisiert. Deshalb werden die 15 Wahlmännerstimmen aus dem „Tar Heel State“ 2016 wahrscheinlich an Hillary Cliton gehen, dies wird aber einer der drei knappsten Staaten bei dieser Wahl.

 

Rust Belt

Illinois 20, Pennsylvania 20, Ohio 18, Michigan 16, Indiana 11, Minnesota 10, Wisconsin 10

Prognose: Hillary Clinton: 76, Donald Trump: 29

Generell ist der „rust belt“ eine der interessantesten Regionen in den Vereinigten Staaten. Hier im industriellen Nordosten des Landes werden in den nächsten Jahren viele spannende Entwicklungen passieren. Große Teile dieser Staaten sind von einem massiven Strukturwandel betroffen und haben im Gegensatz zu den USA als Ganzes kein Bevölkerungswachstum, zum Teil sogar einen Rückgang der Bevölkerung vorzuweisen. Vor allem die Städte, in denen die Autoindustrie stark war, wie Detroit, MI, Cleveland, OH oder Pittsburgh, PA hatten in den letzten Jahren massiven Bevölkerungsrückgang zu verzeichnen. In den „rust belt“ Staaten hat sich der amerikanische Traum zum amerikanischen Alptraum entwickelt. Dementsprechend ist ein großes, enttäuschtes Wählerpotential vorhanden, dass für Donald Trump eigentlich ein guter Nährboden sein sollte.

Illinois, Minnesota und Wisconsin werden als „blue wall“ Staaten relativ klar an die Demokraten gehen. Auch Pennsylvania hat seit 1988 keinen Republikaner mehr bei einer Präsidentschaftswahl unterstützt. Indiana ist der Heimatstaat von Trumps running-mate Mike Pence und wird dementsprechend republikanisch wählen. Spannend wird es in den anderen beiden Staaten. Die Strategie von Donald Trump, seinen Wahlkampf auf weiße „blue collar worker“ (Industriearbeiter) zu konzentrieren führt in Michigan und Ohio zu einem knappen Rennen. In „Buckeye State“ dürfte sich das für ihn am Ende auszahlen. In Michigan ist der Anteil der schwarzen Bevölkerung aber viel zu hoch (in Detroit über 80%). Deshalb wird er im „Great Lakes State“ keine Chance gegen Clinton haben.

 

Bible Belt

Florida 29, Georgia 16, Tennessee 11, Missouri 10, Alabama 9, South Carolina 9, Louisiana 8, Kentucky 8, Arkansas 6, Mississippi 6

Prognose: Hillary Clinton: 29, Donald Trump: 83

Der „bible belt“ wird mehrheitlich von evangelikalen Christen bewohnt, die hauptsächlich der Southern Baptist Convention angehören. Dieser Wählergruppe sind vor allem sozialkonservative Positionen wichtig, wie beispielsweise die Ablehnung der Abtreibung und der Homo-Ehe. Obwohl die Clintons weiße, evangelikale Christen aus dem Süden sind und Bill Clinton Gouverneur in Arkansas war, haben sie hier kaum eine Chance. Abgesehen von Florida und Georgia sind alle diese Staaten für die Republikaner eine sichere Bank. Donald Trump hat sich die Wählerstimmen hier vor allem dadurch gesichert, dass er versprochen hat, nur Abtreibungsgegner als Richter an den Obersten Gerichtshof zu berufen.

Knapp und spannend wird es nur in Georgia und Florida. Georgia ist ähnlich wie Virginia und North Carolina ein Staat, der über ein deutlich Bevölkerungswachstum verfügt und in dem gesellschaftlichen Minderheiten immer stärker werden. Nur noch 60 Prozent der Bevölkerung sind weiß, die Mehrheit davon gut gebildet. Aufgrund der starken evangelikalen Prägung dieser Bevölkerungsgruppe wird Georgia dieses Mal allerdings noch nicht an Hillary Cliton gehen, es entwickelt sich aber immer mehr zum Purple State. Sollte diese Bevölkerungsentwicklung so weiter gehen, wird der „Peach State“ in der Zukunft einer der umkämpftesten Staaten werden. Florida dagegen ist der Swing-State schlechthin. Dem Bevölkerungswachstum der Latinos in diesem Staat steht ein ständiger Zuzug von Rentnern gegenüber, was einerseits zu einem massiven Bevölkerungswachstum führt, sich politisch aber weitgehend neutralisiert. Vor allem das early-voting deutet dieses Jahr aber auf eine deutlich höhere Wahlbeteiligung der Latinos hin, was sich deutlich zugunsten von Hillary Clinton auswirkt. Deshalb dürfte sie am Ende die 29 Wahlmännerstimmen des „Sunshine States“, wenn auch knapp, gewinnen.

 

Die Präriestaaten

Texas 38, Oklahoma 7, Kansas 6, Iowa 6, Nebraska 5, Idaho 4, Montana 3, South Dakota 3, North Dakota 3, Wyoming 3

Prognose: Hillary Clinton: 0, Donald Trump: 78

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GMO-Farm in Riverside, Iowa

„Americas Heartland“ bietet viel Fläche, viel Natur und viel Landwirtschaft, aber nur wenige Wahlmänner. Politisch gilt hier das für den Bible Belt gesagte. Neben den sozialkonservativen Positionen der meisten Einwohner, spielen die Themen Waffenkontrolle und Landwirtschaftssubventionen. Diese Themen und die Zusammensetzung der Bevölkerung führt dazu, das alle Staaten außer Iowa sicher an die Republikaner gehen werden.

Iowa, ein Staat der bei den letzten beiden Wahlen von Barrack Obama gewonnen wurde, geht dieses Mal aller Voraussicht nach an Donald Trump. Ein Grund dafür dürfte in der Zusammensetzung der Bevölkerung liegen. Über 50 Prozent der Einwohner sind Weiße ohne College-Abschluss. Diese Bevölkerungsgruppe ist das Hauptziel der Trump-Strategie und wird ihm vor allem im Westen des „Hawkeye States“ zum Sieg verhelfen.

 

Der Westen

California 55, Washington 12, Arizona 11, Colorado 9, Oregon 7, Nevada 6, Utah 6, New Mexico 5, Hawaii 4, Alaska 3

Prognose: Hillary Clinton: 98, Donald Trump: 20

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Hillary Clinton bei einer Vorwahl-Veranstaltung in Mount Vernon, Iowa

Der Westen und vor allem der Südwesten ist im Wandel. Während die Staaten an der Pazifikküste, California, Oregon und Washington, sowie Hawaii als Teil des „blue walls“ sicher an die Demokraten gehen werden, hat sich auch New Mexico in den letzten Jahren aufgrund des starken Zuzugs der Latinos zu einer sicheren Bank für die Demokraten entwickelt. Alaska bleibt dagegen ein sicherer republikanischer Staat.

Ein roter Staat war auch Arizona für eine lange Zeit. Auch hier führt der Zuzug von Latinos dazu, dass sich die politischen Verhältnisse in den letzten Jahren zugunsten der Demokraten verschoben haben. Die aggressive Rhetorik von Donald Trump gegen mexikanische Einwanderer und andere Minderheiten hat diesen Prozess noch beschleunigt. Vor wenigen Wochen schien dem „Grand Canyon State“ eines der knappsten Wahlergebnisse seiner Geschichte zu bevorstehen, kurz vor der Wahl sehen die Umfragen Trump jedoch mit einer kleinen aber konstanten Führung, sodass er in Arizona am Ende gewinnen wird. Für Colorado und Nevada gilt ähnliches wie für Arizona, beide Staaten sind in diesem Veränderungsprozess aber ein Stückweit voraus. Vor allem Colorado hat es in den letzten Jahren seinem Nachbarstaat New Mexico nachgemacht und sich für eine relativ zuverlässige Bank für die Demokraten entwickelt. Nevada ist dagegen neben Florida und North Carolina einer der drei knappsten Staaten bei dieser Wahl. Die Trends des „early votings“ und das gute „ground game“ der Demokraten im Clark County dürfte aber dazu führen, dass der „Silver State“ wieder ein blauer Staat wird.

Utah nimmt bei dieser Wahl eine Sonderrolle ein. Der Staat in den Rocky Mountains, der mehrheitlich von Mormonen bewohnt wird, ist eigentlich traditionell einer der sichersten Staaten für die Republikaner. Auch hier hat Trumps aggressive Rhetorik gegen Minderheiten zu viel Ablehnung und Verunsicherung bei der mormonischen Bevölkerung geführt, die als Minderheit zwar sehr sozialkonservativ sind, aber die rigorose Politik gegen ihre Religionsgemeinschaft noch im Hinterkopf haben und deshalb davon abgeschreckt werden. Evan McMullin ein unabhängiger, konservativer Kandidat, der in Umfragen im „Beehive State“ auf bis zum 30 Prozent kommt trägt sein Übriges dazu bei, dass es in Utah echt knapp wird. Am Ende ist die strukturelle Mehrheit hier für die Republikaner aber so groß, dass Trump gewinnt.

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